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Geändert am: 06. März 2014

Achtung Ärztepfusch!

Written by  menscore-body, Published in Allgemeines
Aus der ärztlichen Redaktion
 
Achtung Ärztepfusch! © DDRockstar - Fotolia.com

Was ist ein Behandlungsfehler, wann gibt es Schadensersatz? Zählen lange Wartezeiten dazu? Was Sie sich als Patient beim Arzt gefallen lassen müssen – und wie Sie sich im Ernstfall erfolgreich wehren.

 

 

Mehr als 40.000 Patienten beschweren sich jedes Jahr über Behandlungsfehler von Ärzten. Und das sind bei weitem nicht alle, die guten Grund dazu hätten. Jedoch klagen auch viele, deren Anliegen von Anfang an aussichtslos sind – und bleiben auf den Kosten und ihrem Frust sitzen.

 

Behandlungsfehler

„Ein ärztlicher Behandlungsfehler meint jede Verletzung des üblichen Standards“, erklärt Rechtsanwalt Michael Oltmanns, Arzthaftungsexperte aus Hamburg. Etwa wenn ein Arzt falsche Diagnosen stellt, über Risiken ungenügend aufklärt oder eine Behandlung nicht fachgerecht ausführt.

Achtung! Eine Komplikation ist nicht automatisch ein Behandlungsfehler. Nur wenn die Komplikation vermeidbar war, liegt trotz Aufklärung ein Behandlungsfehler vor.

 

Wurden Sie richtig aufgeklärt?

Ob Blutentnahme oder Operation, Sie willigen in die Behandlung nur dann wirksam ein, wenn Sie korrekt aufgeklärt wurden. Alles andere ist Körperverletzung.

Der Arzt muss aufklären; Krankenschwester oder Arzthelferin reicht nicht. Art, Verlauf, typische Gefahren des Eingriffs müssen erläutert werden, dazu seltene Komplikationen, die eine Entscheidung für oder gegen den Eingriff beeinflussen.

Bei kosmetischen Operationen fordern Gerichte sogar schonungslose, drastische Aufklärung, auch über seltene Komplikationen. Sie müssen nach einer Aufklärung genügend Zeit bekommen, in Ruhe darüber nachdenken.

 

Kann man helfen, einen Kunstfehler zu vermeiden?

„Laut Studien können zwei Drittel aller Patienten nach dem Arztgespräch weder die medizinische Diagnose noch die Erklärung zur Behandlung wiedergeben. Fragen Sie lieber nach, bis Sie alles verstanden haben“, rät Rechtsanwalt Michael W. Felser aus Brühl.

Besonders wichtig: Ablauf der Behandlung, diagnostische Maßnahmen, Risiken, Kosten, Dauer einer eventuellen Arbeitsunfähigkeit. Fragen Sie auch nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten und holen Sie gegebenenfalls eine Zweit- oder Drittmeinung ein.

 

Gibt es bei jedem ärztlichen Fehler Schadensersatz?

Nein. Etwa eine fehlerhafte Aufklärung über eine Operation, die gar nicht durchgeführt wird, verursacht keinen Schaden. Unter den Schadensersatz fallen beispielsweise Kosten für Pflege-Mehrbedarf, Verdienstausfall, entgangene Haushaltsführung, Fahrten, Telefon oder auch für eine weitere Operation.

 

Darf der Arzt mich zwei Stunden warten lassen?

Leider ja. Allerdings macht sich der Arzt schadensersatzpflichtig, wenn ihm nachgewiesen werden kann, dass die lange Wartezeit durch ein Organisationsverschulden verursacht wurde. Theoretisch muss er dann Ihren Verdienstausfall ersetzen.

Doch Urteile zu solchen Fällen sind uneinheitlich. Allein die Verspätung, zumal im Einzelfall, reicht meist nicht. Bevor Sie sich auf die Ungewissheit vor Gericht einlassen, bitten Sie die Sprechstundenhilfe, Sie rechtzeitig anzurufen, falls sich längere Wartezeiten abzeichnen. Oder Sie machen zwischendurch Erledigungen.

 

Was, wenn ein Diagnoseverfahren unnötig war?

„War eine schmerzhafte Maßnahme wie eine Magen-Darm-Spiegelung medizinisch nicht nötig, kann das einen Anspruch auf Schmerzensgeld begründen“, sagt Oltmanns. „Allerdings ist dies schwer nachzuweisen.“ Daher fordert die Rechtsprechung auch gründliche Aufklärung bei diagnostischen Maßnahmen ohne einen therapeutischen Effekt.

 

 


 

 

Der Zahnarzt hat einen gesunden Zahn beschliffen

Oft muss ein gesunder Zahn bearbeitet werden, weil er für eine Brücke als Pfeiler dient. Kann der Zahnarzt den Richter jedoch nicht überzeugen, warum er einen gesunden Zahn beschädigt hat, wird Schmerzensgeld fällig.

 

Wie können Sie verhindern, dass Sie verstrahlt werden?

Es wurden mittlerweile mehr Röntgenbilder als Urlaubsfotos von Ihnen gemacht? Nehmen Sie Ihren Röntgenpass mit. Den gibt es bei Krankenkassen und radiologischen Praxen, um Doppelröntgen zu vermeiden. Fragen Sie, warum die Untersuchung nötig ist und ob es weniger belastende gibt.

Gehen Sie in eine Röntgen-Spezialpraxis mit modernen Geräten und großer Erfahrung in Bedienung und Bildauswertung. Achten Sie darauf, dass Ihnen beim Röntgen stets der Hodenschutz gereicht wird.

 

Muss der Arzt Akten und Röntgenbilder rausgeben?

„Krankenakten und Röntgenbilder gehören dem Arzt. Sie haben aber ein Recht auf Einsicht und – selbst zu bezahlende – Kopien, sofern es um medizinische Sachverhalte geht“, sagt Oltmanns. „Notizen über seinen persönlichen Eindruck von Ihnen kann der Arzt schwärzen oder zurückhalten.“ Verweigert Ihr Arzt die Einsicht, wenden Sie sich an die Landesärztekammer oder einen Anwalt.

 

Wie erfahren Sie, ob der Arzt Ihnen was falsches gibt oder eine Sparbehandlung macht?

Sie können einen zweiten Arzt fragen, haben aber keine Garantie, dass der Ihnen die Wahrheit sagen will oder kann. Bei chronischen Krankheiten können Sie sich mit anderen Betroffenen austauschen.

 


 

 

Wie verhält man sich, wenn etwas schief geht?

Reden Sie bei einem Verdacht auf einen Behandlungsfehler zuerst mit dem Arzt. Nicht überzeugt? Fertigen Sie ein Protokoll mit Behandlungsdaten, -art, -ablauf und Namen beteiligter Ärzte an. Wenden Sie sich damit an eine Schlichtungsstelle (Adressen hier) oder einen auf Arzthaftungsrecht spezialisierten Anwalt.

Fordern Sie möglichst alle Unterlagen vom Arzt oder vom Krankenhaus an. Droht kein dauerhafter Gesundheitsschaden, suchen Sie Rechtsbeistand auf, bevor Sie den Fehler beheben lassen. Prozesse erfordern stets eine gute Dokumentation, etwa Fotos, Gutachten. Lassen Sie den Behandlungsfehler nicht sofort beseitigen, sonst vernichten Sie Beweise.

 

Haben Ärzte bei Fehlern Nachbesserungsrecht?

Das haben nur Zahnärzte, weil nicht erwartet wird, dass etwa eine Krone sofort perfekt sitzt. In anderen Bereichen ist es oft nicht zumutbar, einen Fehler durch den Arzt beheben zu lassen, dem er unterlaufen ist. Das Vertrauen hat dann meist schon gelitten.

 

Rechnung – Wer zahlt?

Sie haben die Operation schon mit Ihrer Gesundheit bezahlt. Nun will auch noch der Anwalt Geld. Wer muss für was aufkommen?

 

Wer bezahlt einen nachbessernden Arzt?

Der Arzt, der den Fehler verursacht hat. Allerdings muss man den nachbessernden Arzt häufig zuerst selbst bezahlen, bekommt den Betrag danach vom Gericht zugesprochen. Oder Ihre Krankenkasse springt erst mal ein.

 

Wer bezahlt die Anwalts- und Gerichtskosten?

Hoffentlich Ihre Rechtsschutzversicherung. Zwar bezahlt vor Gericht die unterlegene Partei alles, aber viele Prozesse enden mit einem Vergleich, die Kosten werden dann anteilig getragen. Nicht erstattungsfähig sind solche Anwaltskosten, die über der gesetzlichen Gebührenordnung BRAGO liegen, etwa bei Honorarvereinbarung mit hohem Stundensatz.

 

 


 

 

Rechtsprechung – Der Prozess

Wie lange kann man seine Rechte geltend machen? Und wie lange dauert ein Prozess?

 

Wie gut sind Ihre Chancen, einen Prozess zu gewinnen?

Je nach Bundesland: „Schlichtungsstellen in Nordrhein-Westfalen stellten eine Behandlungsfehlerquote von rund 34 Prozent fest, in Bayern nur knapp über 10 Prozent“, sagt Jurist Felser. „Sie müssen Behandlungsfehler, Schaden und Ursächlichkeit des Fehlers beweisen.“ Viele Patienten scheitern an Letzterem.

 

Wie lange dauert ein solcher Prozess?

Mindestens zwei Jahre. Ein Zug durch alle Instanzen kann bis zu zehn Jahre dauern.

 

Wie lange können Sie Ihre Rechte geltend machen?

Drei Jahre ab Kenntnis von Schaden und Schädiger, maximal aber 30 Jahre. Wenn Sie nach 27 Jahren vom Fehler erfahren, haben Sie also noch drei Jahre, um dagegen vorzugehen.

 

Das sind Ihre Körperteile wert

Je nach Schwere der Beeinträchtigung des Patienten haben deutsche Gerichte teilweise ansehnliche Summen zugesprochen:

Schwere Augenverletzung bis € 35.000

Schwerhörigkeit und Tinnitus bis € 5.000

Verlust von Zähnen bis € 15.000

Geschmacks-/Geruchsverlust bis € 7.000

Stimmbandverletzung bis € 10.000

Lungenteilentfernung um € 80.000

Wirbelsäulenverletzung bis € 15.000

Querschnittslähmung bis € 260.000

Verlust mehrerer Finger um € 10.000

Verlust eines Beines bis € 50.000

Penisverletzung mit Narbenbildung um € 4.000

 

 


 

 

Kriterien – Daran erkennen Sie einen guten Arzt

Ärzte gibt es viele. Gute Ärzte auch. Aber woran erkennt man sie?

 

An Selbstverständlichkeiten, wie daran, dass:

  • er Sie mit Handschlag begrüßt, Ihnen in die Augen sieht, Sie beim Namen nennt.
  • er Sicherheit und Optimismus ausstrahlt.
  • er nach Beschwerden und Vorerkrankungen fragt statt Fragebogen ausfüllen lässt.
  • Sie Ihren Satz zu Ende führen dürfen, ohne dass er ungeduldig wird und Sie verhört.
  • die Wartezeit unter 30 Minuten liegt.
  • er sich regelmäßig fortbildet.

 

 

Wichtige Adressen für den Ernstfall

 

Schlichtungsstellen für Arzthaftpflichtfragen der Ärztekammern findet man unter:

www.schlichtungsstelle.de

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte: : www.vas-verlag.de

Notgemeinschaft Medizingeschädigter: : www.vereinsliste.de/verein/verein255.html oder www.ngmbayern.de

Bundesministerium für Gesundheit sowie Bundesministerium der Justiz – Leitfaden für Patienten und Ärzte zum kostenlosen Download: www.bmgs.de oder www.bmj.de

oder www.zahn-forum.de

 
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