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Geändert am: 31. Mai 2017

Natascha. Oder: Was wir von Russland lernen können

Written by  K.J. Schindler, Published in Allgemeines
Aus der ärztlichen Redaktion
 
Natascha. Oder: Was wir von Russland lernen können © Andrey_Arkusha - Fotolia.com

Es wird Herbst, und alle Welt ist mit Grippe befasst: Der eine steckt sich an, der andere lässt sich krank-impfen und andere stocken vorsorglich ihre Hausapotheke auf. Dabei wäre es so einfach, sich abzuhärten, meint K.J. Schindler und erzählt von seiner russischen Ex-Freundin und ihrer wirksamen Methode.

 

 

Der Herbst ist angebrochen. Wir sehen jetzt weniger Menschen auf den Straßen, denn die Leute sind nun wieder krank. Sie haben vorzugsweise Grippe. Das geht im Wesentlichen bis zum Frühjahr so. Unterbrechungen werden im Advent gemacht, wegen der Einkäufe, natürlich an Weihnachten himself und zu Silvester inklusive des Neujahrstages.

Nicht alle liegen freilich auf Grund der Influenzaviren darnieder. Zuverlässiger treten Erkrankungen durch Grippeschutzimpfungen ein. Mit denen kann das Ganze terminlich auch besser organisiert werden. Wir unterscheiden, was die Abwehr von Infekten anbelangt, in zwei Kategorien Mensch: Die eine pflegt ununterbrochen ihre Hausapotheke und erkrankt bereits vorauseilend, wenn sie diese versehentlich mal drei Stunden lang nicht kontrolliert hat. Bei der anderen Kategorie handelt es sich um Russen, ethnische sowie mentale.

Ich weiß auf's äußerste, wovon ich hier spreche: Sie hieß Natascha, Name geändert, kam aus St. Petersburg, lebte in Berlin, und wir versuchten es neulich fast zwei Jahre lang miteinander. Das war schön. Und sehr gesund! Nataschas Hausapotheke stand auf einer Art Altar im Schlafzimmer und rekrutierte sich aus mehreren Flaschen Wodkas. Eine Filiale dieser Apotheke hatte sie im Kühlschrank eingerichtet: Speck, irgendwie mit Olivenöl, Knoblauch und scharfem Paprikapulver einbalsamiert. Griffbereit überdies stets ein paar Zwiebeln, in die Natascha gern gelegentlich wie in einen Apfel biss. Ich dann übrigens auch, denn das geht unter erotischen Aspekten nicht alleine.

Natascha war alles – außer jemals im Entferntesten grippal infiziert. Wobei nicht verschwiegen werden sollte, dass sie auch dem eisigsten Berliner Januar eher frühlingshaft gekleidet zu begegnen pflegte. Sie mochte keine Winterklamotten, „weil man da immer so umständlich viel an- und ausziehen muss“, wie sie zu bemerken beliebte. Obwohl Natascha von höchst feingliedriger, nahezu zierlicher und überaus anmutiger Gestalt war, hielt ich sie anfangs wegen ihrer ungewöhnlich robusten Konstitution und burschikosen Art für einen Leutnant der Roten Armee oder eine Bauerntochter aus Nowosibirsk, abgehärtet durch unentwegte Feldarbeit und das Zureiten von wilden Stieren. Doch weit gefehlt: Natascha hatte Medizin studiert und werkelte im hoch sensiblen Spezialbereich des menschlichen Nervensystems herum.

Ich diente ihr tage- und nächtelang als Objekt der neurologischen Begierde, meist als abschreckendes, doch meine Ansichten zur Grippevorsorge bzw. -bekämpfung stießen auf Beachtung und hielten unsere Beziehung einigermaßen am Leben.

Oktober, mein Kollegenkreis hatte sich gerade geschlossen in die Influenza verabschiedet, weshalb ich prophylaktisch unter dem Einfluss erheblicher Mengen wertvollen Berliner Held-Wodkas stand. Das gefiel Natascha schon mal. Alsdann offenbarte ich ihr meine raffinierten Überlegungen zu Viren, Bakterien und dem ganzen Zeug, das einen ständig ärgern will:

„Wenn ich ein Virus wäre“, dozierte ich, „ginge ich mit Vorliebe dort hin, wo es leckere Erkältungs-Tees gibt, tolle Pillen und eine reiche Auswahl an Medikamenten jeglicher Geschmacksrichtungen und Bedarfslagen.“ Ich deklarierte Krankheitserreger allgemein als tee- und drogenabhängig und Besitzer einschlägiger pharmazeutischer Bestände als Dealer. Wodka hingegen erklärte ich zu einem wohlfeilen Vernichter gefährlicher Eindringlinge, die verlässlich an Alkoholvergiftung sterben, weil sie so klein sind. Am besten zusätzlich noch an Rauchvergiftung. Natascha erklärte mich daraufhin für medizinisch respektive psychiatrisch dringend hilfsbedürftig, holte Speck aus der Küche und Stolichnaya vom Altar und begann mit der Therapie, also eigentlich einer Paartherapie.

Am nächsten Morgen fragte ich sie, ob ich denn falsch gelegen hätte mit meiner Viren-These. „Du hast generell schon wesentlich schlechter gelegen als letzte Nacht“, antwortete sie und fuhr fort: „Es gibt relativ wenig kranke Russen, dafür zahlreiche sehr lebendige und sehr tote. Beim Rest der Welt ist das umgekehrt. Du bist Russe.“

Liebe Jungs unter 18 Jahren, bitte ahmt das nicht nach! Finger weg von Alkohol und vielleicht auch erst einmal von russischen Mädchen! Höchstens, ihr müsstet euch entscheiden zwischen einer Natascha und der Hausapotheke eurer Mama. Dann nehmt Natascha.