Bewegungsapparat
Geändert am: 06. März 2014

Wenn der Schuh drückt - Überbeine

Written by  menscore-body, Published in Bewegungsapparat
Aus der ärztlichen Redaktion
 
Wenn der Schuh drückt - Überbeine © Studio-54 - Fotolia.com

Der Schuhkauf wird zur Qual: Selbst die handgemachten, rahmengenähten Budapesterschuhe aus bestem englischem Leder verwan­deln sich binnen weniger Minuten in Schraubstöcke: Ein Überbein, in der Medizi­nersprache auch Ganglion genannt, ist schuld daran, dass statt des Klassikers unter den edlen Herrenschuhen wieder einmal die weichledernen Straßen­latschen in der Einkaufstüte landen. 

 

Ganglien kommen nicht nur am Fuß vor. Ganze 84 Prozent aller Ganglien bilden sich am Handrücken oder an den Endgelenken der Finger. Weniger oft siedeln sich die Beulen, die aussehen wie zu groß ge­ratene Knöchel am falschen Platz, am Kniegelenk oder am Fußrücken an, immer jedoch in der Nähe von Gelenken.

Früher vermuteten Mediziner, dass hinter den Ganglien Abnutzungen des Bindegewebes stecken. Ihr Erklärungsversuch: Der stets wachsame menschliche Kör­per versucht nach Kräften, das verschlissene Material des Bindegewebes zu ersetzen, indem er Gelenkschmiere in die betroffenen Stellen pumpt. Durch diesen Kompensationsversuch des Organismus, der dann als prallelastische, kirschkern- bis walnussgroße Vorwölbung sichtbar werde, könne eine weitere Abnutzung verhindert werden. Aber diese Erklärung hat sich als falsch erwiesen. Die Frage, warum Ganglien entstehen, kann tatsächlich noch nicht beantwortet werden.

 

Beschwerden durch Überbeine

Ob das unerwünschte Extra Beschwerden macht, hängt von seiner Lage ab. Bildet sich ein Überbein beispielsweise am Handgelenk über der Schlagader, so kann es das Blutgefäß zudrücken. Zu den Folgen gehören Durchblutungsstörungen und Gerinnselbildungen (Thrombosen).

Befindet sich das Ganglion in der Nähe eines Ner­vs, zum Beispiel auf der Ellenseite des Unterarms, verursacht es Kribbeln, Ziehen, Taubheits- oder Überempfindlichkeitsgefühlen im Un­terarm.

 

Veraltet: Mit Hammer und Sticheln

Die Behandlungsweisen haben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte erheblich gewandelt: Im Mittelalter schlug man gutgläubig mit der Bi­bel auf die Schwellung. Als der erwünschte Erfolg ausblieb, versuchte man es mit dem Hammer. Aber hier lenkte lediglich der Schmerz von der Schwellung ab, der lästige Gnubbel aber blieb.

Etwas neuere Behandlungsmethoden bestanden darin, das Ganglion zu zerdrücken oder zu sticheln. Anschließend konnte der Arzt kann verödender Substanzen in das Ganglion spritzen oder seinen Inhalt absaugen. Auch diesen Therapien stehen die Experten mittlerweile skeptisch gegenüber. Das Injizieren von verödenden Stoffen könne die Gelenkkapsel und den Knorpel schädigen, aber auch zu einem Gewebeschwund und einer Pigmentierung des betroffenen Gebietes führen. Das Zerdrücken und die Stichelung helfen - wenn überhaupt - ohnehin nur bei frisch aufgetretenen Überbeinen, meinen sie. Und auch für die Absaugmethode gilt, wie auch für die anderen angeführten Me­thoden: In mehr als 60 Prozent der Fälle bildet sich an derselben Stelle wieder ein Ganglion.

 

Therapie: Operation – mit Stumpf und Stiel

Wirklich erfolgreich ist lediglich die medizinisch 'radikale Ausräumung' genannte Methode, bei der in einer Operation das Ganglion samt Stiel und Wurzel entfernt wird. Lediglich bei weniger als zehn Prozent der derart behandelten Patienten taucht das Ganglion erneut auf. "Eine solche Operation kann allerdings nicht immer ambulant durchgeführt werden", sagt Dr. Johannes Wimmer von der Klinik Dr. Guth in Hamburg. „Befindet sich das Überbein etwa in der Nähe von Nerven und wichtigen Blutgefäßen oder ist es in einen Knochen eingewachsen, muss man mit Komplika­tionen wie Nervenverlet­zungen, Nachblutungen, Narbenbildung oder Bewegungseinschränkung rechnen".

Für die Operation am Fuß oder auf der Beugeseite des Handgelenks müssen mindestens ein bis zwei Tage Krankenhausaufenthalt eingeplant wer­den. Welche Art der Betäubung gewählt wird, hängt von der jeweiligen Lage des Ganglions ab. Entweder es wird nur ein Körperteil 'lahmgelegt', d.h. es wird in so genannter Leitungsanästhesie operiert, oder es wird eine Vollnar­kose angewendet.

Nach dem Eingriff muss das Gelenk meist für etwa eine Woche ruhiggestellt werden. Oft ist es sinn­voll, anschließend mit Krankengymnastik eventuellen Bewegungsein­schränkungen entgegenzuwirken. Wie lange man nach der Opera­tion arbeitsunfähig ist und krankgeschrieben werden muss, ist abhängig von der Lage des Ganglions und der Arbeit des Patienten. Meist sind es zwei bis vier Wochen, bei Operationen am Fuß reichen oft zehn bis 14 Tage.

Auch wenn Ganglien nur kosmetisch stören, gelten sie als 'krankhafte Veränderungen', und die Behandlungskosten werden von den Krankenkassen übernommen.

 

Immer zum Arzt

Auch wenn das Überbein keine Beschwerden macht, ist es ratsam zum Arzt zu gehen, denn nur ein Mediziner kann feststellen, ob es sich bei dem Gnubbel wirklich um ein harmloses Ganglion oder einen Weichteiltumor handelt. Ist die Diagnose 'Überbein' erst einmal gestellt, kann es sich lohnen abzuwarten. Denn mehr als die Hälfte aller Überbeine verschwindet von selbst.

 

 
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