Kopf, Augen & Ohren
Geändert am: 31. Mai 2017

Dossier Gedächtnis – Mehr Watt in der Birne

Written by  menscore-body, Published in Kopf, Augen & Ohren
Aus der ärztlichen Redaktion
 
Dossier Gedächtnis – Mehr Watt in der Birne © James Thew - Fotolia.com

Unser Gedächtnis kann so viel speichern wie 100 000 Bücher. Es ist stärker als jeder Computer – aber auch anfälliger. Wie Sie die Leistung in Ihrem Kopf noch erhöhen.

 

 

 

 

Vergessen Sie ruhig Namen, Konfektionsgröße und Haarfarbe Ihrer Ex-Freundin. Das macht nichts. Beim Tabellenstand der Bundesliga sieht das schon anders aus, und wenn Sie die Geheimnummern für Handy, EC-Karte und Safe nicht im Kopf haben, wird Vergesslichkeit zum Ärgernis. Warum nur können wir uns einiges gut und anderes überhaupt nicht merken? Warum gehen uns wichtige Dinger verloren, während uns unwichtige im Kopf bleiben? Und vor allem: Kann man das verhindern, steuern oder beeinflussen?

Unser Gedächtnis gehört zu den am besten erforschten Bereichen des menschlichen Körpers. Und jeder Mensch kann dieses Wissen zu seinem Vorteil für sich nutzen. Darum haben wir die besten Methoden zusammengetragen, mit denen Sie die enormen Speicherkapazitäten Ihres Hirns optimal ausschöpfen, es vor Abbau schützen und so der gefürchteten Alzheimer-Krankheit trotzen. Erster Tipp: Lassen Sie Ihr Gedächtnis nicht wahllos „zumüllen“.

 

Wie funktioniert das Gedächtnis?

Das ist kompliziert, aber wir versuchen eine Erklärung: Werden Sinneswahrnehmungen, Erfahrungen und Bewusstseinsinhalte registriert und über längere oder kürzere Zeit gespeichert und bei Bedarf reproduziert, spricht man von einer Gedächtnisleistung. Ein Beispiel: Während Sie diese Zeilen lesen, nehmen Ihre Sinnesorgane eine Vielzahl von Eindrücken wahr, die sie über Nervenbahnen dem Großhirn melden. Was Ihre Augen registrieren, wird im Hinterhauptslappen in Einzelbilder und Bewegung umgesetzt. Die Schallwellen aus Ihrem Radio gelangen über die Ohren durch den Hörnerv in den Schläfenlappen. Genau so finden die Informationen von Tast-, Geruchs-, Geschmacks- und Gleichgewichtssinn ihren Weg in die verschiedenen Großhirnareale. Und von dort gelangen sie ins so genannte limbische System, einem zentralen Verteiler, in dem die verschiedenen Hirnregionen eng zusammen arbeiten. Zwei der Bereiche sind für die Merkfähigkeit des Gehirns von zentraler Bedeutung: Als das Tor zum Gedächtnis gilt der Hippocampus, die Zwischenablage der Informationen im Kurzzeitgedächtnis. Er ist dafür verantwortlich, neue Gedächtnisinhalte auf bestimmte Regionen im Großhirn zu verteilen, wo sie langfristig gespeichert werden.

An zweiter Stelle steht die Amygdala, in der Sinneseindrücke mit Emotionen verknüpft werden. Besonders effektiv wird gespeichert, was bei der Weitergabe vom Hippocampus an die Großhirnrinde aktiv analysiert, also in gedankliche Einzelteile zerlegt wurde. Das erleichtert die spätere Suche und verkürzt die Zugriffszeiten auf die Infos. Die Daten werden so gespeichert, dass sie mit bereits existierendem Wissen verbunden werden. Je größer die Anzahl der Verbindungen mit bereits bestehendem Wissen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auf die gespeicherten Informationen später zugegriffen werden kann. Ein Fußballfan speichert aktuelle Spielergebnisse schon bei einmaligem Lesen, während ein Uninteressierter die Liste der Spielergebnisse mühselig wie Vokabeln auswendig lernen muss.

 


 

Serienausstattung des Menschen

Bis zur Geburt wächst unser Gehirn um 250 000 Nervenzellen pro Minute, und mit etwa 100 Milliarden Nervenzellen gehen wir an den Start. Das menschliche Gehirn ist ein gigantisches neuronales Netzwerk. In den ersten beiden Lebensjahren bilden sich die Fortsätze der Zellen aus und verknüpfen sich miteinander. Voraussetzung für präzise Verschaltungen sind aktive Reize für das Gehirn, etwa Farben, Stimmen, Gerüche und Bewegungen. Werden Babys nicht ausreichend gefordert, entwickeln sie sich auffallend langsam. Eine Nervenzelle kann mit bis zu 200.000 Nachbarzellen Querverschaltungen ausbilden. Die Information (z.B. ein optisches oder akustisches Signal) wird als elektrischer Impuls entlang der Nervenfortsätze weitergeleitet, bis ein Verknüpfungspunkt mit einer anderen Nervenzelle erreicht ist. An solchen Kontaktstellen bewirken die elektrischen Impulse eine Ausschüttung von chemischen Botenstoffen. Diese überbrücken den Spalt zwischen den Nervenzellen und lösen in der Zielzelle ihrerseits einen elektrischen Impuls aus. Das passiert übrigens mit einer Geschwindigkeit von bis zu 500 Stundenkilometern. Je nachhaltiger der Reiz (etwa durch Wiederholungen oder durch die erwähnte emotionale Verstärkung), desto stärker ist die chemische Spur (der “Ein-Druck”), die er im Gehirn hinterlässt. Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass sich Proteinmoleküle wie Hinweisschilder an den Kontaktstellen der Nervenzellen einlagern. Versuchen wir uns zu erinnern, kann das Gedächtnis anhand der Schilder rasch die wichtigsten Details des Vorgangs abrufen.

 

Unser Arbeitsspeicher

Auf dem Weg zum Gedächtnis müssen Informationen mehrere Hürden nehmen. Wichtige, aber emotional unbedeutende Erlebnisse kommen ins Ultrakurzzeitgedächtnis, wo sie für nur wenige Sekunden bestehen. Das gewährleistet immerhin, dass Sie diese Buchstaben zu einem Wort und die Worte zu einem Satz verbinden können, wenn Sie auch deren genaue Reihenfolge vergessen werden. Dadurch können Sie den Sinn des Gelesenen behalten. Um ins Kurzzeitgedächtnis zu gelangen, müssen Informationen entweder besonders interessant sein, oder Assoziationen mit bereits gespeicherten Eindrücken wecken.

Im Kurzzeitgedächtnis halten sich vor allem die Erinnerungen des täglichen Lebens: Termine, Pläne, Einkaufslisten; Nach Erledigung werden sie gelöscht. Im Kurzzeitspeicher spielt sich aber auch das gesamte bewusste Erleben ab, weil hier alle neuen Infos auf die Langzeitinhalte treffen und verarbeitet, bewertet und emotional angereichert werden.

 

Unsere Festplatte

Im Langzeitgedächtnis, der Festplatte unseres Hirns, werden bedeutsame Inhalte archiviert, zum Beispiel der erste Kuss, Urlaubseindrücke oder die Sprache. Nach welchem System die Informationen dort abgelegt werden und was genau passiert, wenn sie wieder aufgerufen werden, ist noch endgültig erforscht. Man weiß, dass die Informationen in viele Puzzleteile zerlegt und an verschiedenen Orten im Gehirn gespeichert werden. Wenn wir uns erinnern, werden die Puzzleteile in Sekundenbruchteilen wieder zur ganzen Erinnerung zusammengesetzt. Jederzeit problemlos abrufbar sind aber nur4 die Informationen, die im aktiven Langzeitgedächtnis gespeichert sind: Dort lagern solche Daten, die mehrmals täglich über (mindestens) drei Tage wiederholt werden, danach noch wenigstens einmal alle sechs Monate.

 


 

 

Use it or lose it

Wie der Bizeps müssen auch Gehirnzellen trainiert werden. Und je trainierter, desto leistungsfähiger sind sie. Theoretisch ist die Erweiterung ihrer Kapazitäten sogar unbegrenzt. Das Geistestraining verstärkt die vorhandenen synaptischen Verbindungen zwischen den Hirnzellen und lässt sogar neue entstehen.

Bisher glaubte man, dass nach der Geburt keine neuen Hirnzellen mehr entstehen können, das sieht man heute anders: Laut Experten können Nervenzellen durch geistige Aktivitäten neu gebildet werden. Aber auch ohne die Bildung neuer Nervenzellen wird der geistige Verfall ausgeglichen: Treten Verluste in den Strukturen auf, in denen Inhalte gespeichert waren, kann das ausgewachsene Gehirn die Verluste mit alternativen Nervenverbindungen kompensieren. Auch ein Mangel an Synapsen kann durch eine höhere Konzentration an Botenstoffen kompensiert werden.

Am leistungsfähigsten ist das Gehirn eines etwa 20-jährigen. Wird es ständig trainiert, bleibt es bis ins hohe Alter funktions- und leistungsfähig. Bei einer chronischen Unterforderung jedoch nehmen Gedächtnisleistung, Auffassungsgeschwindigkeit und Kreativität ab. Viele Forscher glauben, dass besonders die Nervenzellen ihre Funktion verlieren, die nicht oder kaum gefordert werden. Wer also möglichst viele Bereiche in seinem Gehirn mobilisiert, der kann seine Merkfähigkeit erhöhen und erhalten.

Außerdem glaubte man bisher, dass Menschen im Alter unweigerlich vergesslich werden, weil ihre Gedächtniszellen absterben. Aber auch diese These wurde widerlegt: Die Zahl der Nervenzellen bleibt das ganze Leben lang annähernd konstant. Dass die Denkmasse schrumpft, liegt daran, dass die so genannten Markscheiden abgebaut werden, die den Nervenausläufer umgeben. Die Folge ist eine verlangsamte Datenübertragung. Und noch ein Prozess beeinträchtigt das schnelle Erinnern und Denken im fortgeschrittenen Alter: Es werden weniger Überträgerstoffe hergestellt, die für die Kommunikation zwischen den Nervenzellen verantwortlich sind.

 

Wissen schützt das Gedächtnis

Viele Studien belegen, dass eine verhältnismäßig hohe Bildung und regelmäßige geistige Arbeit vor Gedächtnisschwäche und Alzheimer schützen können: Je mehr Verbindungen ein Mensch zwischen den Gehirnzellen aufweist, desto widerstandsfähiger ist er gegen drohenden Gedächtnisschwund. Eine Studie der Columbia University ergab, dass Menschen mit einem Bildungsgrad unterhalb des Mittlere-Reife-Niveaus ein doppelt so hohes Alzheimer-Risiko haben wie Leute mit einer höheren Bildung. Kommt zum niedrigen Bildungsgrad auch noch eine reizarme Tätigkeit hinzu, steigt das Risiko sogar auf das Dreifache. Denn je höher der Bildungsstand, desto eher wird man geneigt sein, geistig stimulierende Aktivitäten zu verfolgen – und eben das ist es, was dem Gedächtnis gut tut.

Die vier Faktoren, die nach Meinung von Experten das Gedächtnis bis ins hohe Alter fit halten, sind:

  • Das Bildungsniveau, das anscheinend für eine erhöhte Anzahl sowie die Verstärkung synaptischer Verbindungen zwischen den Gehirnzellen sorgt.
  • Stetige Aktivität, die die Blutzufuhr zum Gehirn verbessert.
  • Die Lungenfunktion, die die Sauerstoffsättigung im Blut gewährleistet.
  • Das Gefühl, dass das, was man tut, wichtig ist.

 

 


 

 

Training verhindert Vergessen

Eine von mehreren Ursachen für nachlassende Leistungen des Gedächtnisses sind Durchblutungsstörungen durch ungesunde Ernährung, Rauchen, hohen Blutdruck, Stress und mangelnde Bewegung. Moderates Training fördert die Sauerstoffversorgung des Gehirns und kann hohen Blutdruck bekämpfen. Besonders wirkungsvoll sind Übungen, die gleichzeitig auch das Koordinationsvermögen trainieren, etwa Inline-Skating oder Schlittschuhlaufen. Wichtig ist auch eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme, da dickflüssiges Blut das Gehirn nur schleppend versorgt. Neben den körperlichen Voraussetzungen gibt es eine Vielzahl geistiger Möglichkeiten, das Gedächtnis fit zu halten. Die besten haben wir gesammelt und unten in Form von Steckbriefen dargestellt.

Viele Übungen lassen sich in den Alltag integrieren und beanspruchen kaum Zeit. Sie müssen dazu lediglich Dinge, die Sie bisher routinemäßig gemacht haben, bewusst tun, indem Sie die Handlung und Situation analysieren.

Leben Sie außerdem explorativ, das heißt: Probieren Sie neue Routen aus, merken Sie sich nicht nur den Namen einer neuen Person, sondern möglichst auch noch viele zusätzliche Eigenschaften. Verfassen Sie zu Büchern oder Filmen, die Ihnen gefallen haben, eine kurze Inhaltsangabe in Gedanken. Gehen Sie aktiv mit den Informationen um, stellen Sie sich bei Ortsnamen die geografische Lage auf der Karte vor, kramen Sie im Gedächtnis nach Dingen, die Sie mit dem Ort verbinden. Rechnen Sie einfachere Aufgaben mit dem Kopf statt mit dem Taschenrechner. Wenn Sie mal beim Lesen Radio hören oder den Fernseher laufen lassen, versuchen Sie sich doch später zu erinnern, was Sie gesehen, gehört oder gelesen haben. Das alles trainiert das Gehirn, Wichtiges zu speichern, und Unwichtiges auszusortieren. Dabei müssen wir heute nicht nach Reizen suchen, sondern uns angesichts der großen Informationsflut davor schützen. Das Motto lautet daher: Wichtiges gezielt aussuchen und diese Konzentration über eine gewisse Zeit aufrechterhalten. Wort- und Zahlenspiele aus Ihrer Tageszeitung erhöhen das Ultrakurzzeitgedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit, Buchstabenreihen, in denen Begriffe versteckt sind, fördern das Tempo der Denkprozesse.

Aber: Wissenschaftlern zufolge sind Kreuzworträtsel für Gedächtnistraining nicht geeignet, da hier Wissen spätestens nach dem zehnten Kreuzworträtsel routinemäßig abgefragt wird. Mit Memory und Skat können Sie Ihr Kurzzeitgedächtnis trainieren, mit Spielen wie Trivial Pursuit Langzeitwissen aktivieren. Und sollten Sie mal was vergessen, wozu Sie keine Lust hatten, bedanken Sie sich bei Ihrem Unterbewusstsein. Es trägt die Verantwortung für Ihr Wohlergehen und erspart Ihnen viele unangenehme Erinnerungen.

 

Hier geht es zu den 10 besten Gedächtnisturbos