Zahlen, Daten, Fakten
Geändert am: 31. Mai 2017

Heute schon Dr. Google besucht?

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Aus der ärztlichen Redaktion
 
Heute schon Dr. Google besucht? © Andrey Popov - Fotolia.com

Bei Beschwerden gehen Männer schneller ins Internet als zum Arzt. Doch das WWW ist unübersichtlicher als ein Großklinikum. Wie unterscheiden Sie gute Beratung von miesen Angeboten? Und woran erkennt man unseriöse Gesundheitsportale? So finden Sie sich zurecht.  

 

 

Kennen Sie das auch? Schon seit dem frühen Abend haben Sie so einen Druck auf der Stirn, und in Ihren Schläfen puckert es verdächtig. Oder Sie haben einen leicht zerrenden Schmerz im Bereich von Nacken und Schulter, und Sie merken jeden Schulterblick beim Autofahren. Beschwerden in dieser Preisklasse machen definitiv keinen Spaß. Aber deshalb gleich zum Arzt gehen?

Sie wollen nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen, und greifen lieber auf das gesammelte medizinische Wissen der Welt zu, das nur einpaar Mausklicks entfernt ist. Die Stichworte Kopf, Schmerz, Schläfe, oder: Schmerz, Nacken, Schulter – in fast beliebiger Kombination in eine Suchmaschine eingegeben, und zack - in Bruchteilen von Sekunden haben Sie unzählige Seiten zu Ihrem Problem. Jetzt brauchen Sie nur noch die richtige auszusuchen und schon haben Sie die Erklärung und Therapie zu Ihren Beschwerden. Denken Sie.

 

Verkehrte Trefferliste 

Wer nun glaubt, den Antworten auf seine Fragen besonders nahe zu sein, sollte sich auf eine Enttäuschung gefasst machen. „Denn die eigentliche Arbeit fängt jetzt erst an“, sagt Mediziner Kai Sostmann, der an der Berliner Charité den Kompetenzbereich E-Learning leitet. „Google, Yahoo, Bing und Co. listen die Ergebnisse nicht in der Reihenfolge ihrer Wahrscheinlichkeit, auch wenn viele User unbewusst davon ausgehen“.

So sind Fehldiagnosen unvermeidlich. „Und dazu zählt der Großteil aller Hits zu einer solchen Suche“, so Professor Dietrich Baumgart vom Diagnostik-Zentrum Preventicum in Düsseldorf. Wenn Sie also bei den Ursachen für Ihre Kopfschmerzen auf „bösartiger Gehirntumor“ stoßen, müssen Sie nicht gleich Ihr Testament machen, Ihren Job hinschmeißen und Abschiedsbriefe schreiben. „Es ist viel wahrscheinlicher, dass ein Mann im Alter von 20 bis 40 Jahren mit solchen Kopfschmerzen über den Tag zu wenig Sauerstoff bekommen oder zu viel Stress hat“, sagt Baumgart.

 

Falsche Verhältnisse

Angaben des Universitätsklinikums Ulm zufolge erkranken jährlich ca. 8000 Menschen in Deutschland neu an einem Gehirntumor. Das Risiko, an dieser Krebsart zu erkranken liegt unter 0,01 Prozent.

Und Fehldiagnosen sind nicht immer ungefährlich: Mediziner wissen schon lange, dass die Sorge, krank zu sein, überhaupt erst krank machen kann. Viele Untersuchungen belegen, dass Personen, die den Stress, den eine ungünstige Diagnose auslöst, ausschalten können, eine bessere Prognose haben als ihre besorgten Mitprobanden. So zeigte eine US-Studie: Menschen, die ihr eigenes Risiko für einen Herzinfarkt objektiv und distanziert beurteilen konnten, hatten eine vier Mal geringere Wahrscheinlichkeit, daran zu sterben, als ängstlichere Personen mit ansonsten den gleichen Risikofaktoren. Bezogen auf das Internet haben Experten auch schon einen Namen für das Phänomen: Cyberchondrie.

Glauben Sie also keine Diagnose, die Ihr Arzt nicht bestätigt hat, auch wenn Dr. Google vehement behauptet, Sie seien sterbenskrank.

 

Trügerische Sicherheit

Aber auch den umgekehrten (wenngleich selteneren) Fall sollten Sie nicht außer Acht lassen: Ihre Lieblingssuchmaschine erklärt Ihnen, Ihre Bauchschmerzen seien die Folge von Blähungen, während Sie womöglich eine Blinddarmentzündung haben, die – wenn sie zu spät operiert wird – lebensgefährlich ist.

„Bei Suchmaschinen werden die Symptome häufig nicht im Zusammenhang gesehen“, sagt Baumgart. „Aber Krankheiten bestehen meist aus vielen Symptomen, und nicht alle sind sichtbar oder fühlbar. Manche Krankheitsmerkmale treten erst bei einer Untersuchung zu Tage. Kennt man sie nicht, kann man sie auch nicht googeln. Schon ein einzelner Befund mehr kann zu einer ganz anderen Diagnose führen. Fehlt er, kann die Suchmaschine eben nur die Diagnosen auswerfen, die sich aus den bekannten Symptomen zusammensetzen. Ob man trotzdem fündig wird, ist dann Glückssache.“

Ein anderes Problem ist der Umstand, dass man Läuse und Flöhe gleichzeitig haben kann“, sagt Baumgart. „Nicht alle Beschwerden, die man hat, müssen zusammengehören. Es kann durchaus sein, dass sie verschiedenen Erkrankungen zuzuordnen sind.“ 

 

Riesiger Bedarf

Trotz der Gefahr, harmlose Wehwehchen als Krankheit mit Todesurteil diagnostiziert zu bekommen – oder eben umgekehrt, wird das größte Nachschlagewerk der Welt immer häufiger genutzt – auch in Deutschland.

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg führte über drei Jahre eine Studie durch, die das WWW-Verhalten von Menschen in sieben Ländern Europas in Bezug auf Gesundheitsfragen untersuchte. Das Ergebnis für Deutschland: das Internet ist immer öfter die erste Anlaufstelle in Gesundheitsfragen. Allein in den drei Jahren während der Durchführung der Studie stieg die Anzahl derer, die bei Beschwerden erst bei der Suchmaschine ihres Vertrauens Rat suchten, von 44 auf 57 Prozent an. „Mittlerweile dürfte die Zahl sogar weiter gestiegen sein“, schätzt der Studienleiter Hans-Ulrich Prokosch vom Lehrstuhl für Medizinische Informatik der Universität Erlangen-Nürnberg.

Etwa jeder dritte Deutsche konsultierte das Internet mindestens einmal im Monat, für fast 40 Prozent der Deutschen war das Internet die wichtigste Quelle für Gesundheitsinformationen. Eine Untersuchung der Stiftung Warentest ergab, dass die zwölf getesteten Gesundheitsportale auf knapp sechs Millionen Besucher im Monat kamen. 

Dieser Trend steigt sogar noch weiter an: "65 Prozent der deutschen Patienten ziehen nach ihrem Arztbesuch regelmäßig das Internet heran, um in Foren und Gesundheitsportalen mehr über Diagnosen und Behandlungsempfehlungen ihres Arztes zu erfahren. Weitere 17 Prozent haben das zumindest einmal gemacht", schrieb das Deutsche Ärzteblatt in seiner Januarausgabe 2015 mit Hinweis auf die Studie "Zweitmeinungsverfahren aus Patientensicht" des privaten Klinikkonzerns Asklepios, für die im Sommer 2014 1000 Deutsche ab 18 Jahren befragt worden waren.

 

Große Verunsicherung

Die Gründe dafür sind einleuchtend. „Es spart Zeit, im Netz zu surfen und bequemer, als zum Arzt zu fahren. Zudem kann man endlos in Beschreibungen von Symptomen und Therapien schwelgen“, so Internist Baumgart. „Viele informieren sich über Krankheiten, wie sie ein Horoskop lesen: Sie suchen so lange, bis sie eine Diagnose finden, die ihnen in den Kram passt“.

Auch die reißerischen Schlagzeilen über inkompetente Ärzte oder drohende Virus-Pandemien tragen zur allgemeinen Verunsicherung bei. Warum also sollte man auf den Arztbesuch nicht gleich verzichten und stattdessen anhand seiner Symptome im Internet selbst eine Diagnose erstellen - und sich das passende Medikament auch gleich in einer Online-Apotheke bestellen?

"Für ein Arztgespräch kann das Internet kein Ersatz sein. Als Ergänzung dazu halte ich es für sinnvoll. Hilfreich ist es etwa, wenn der Patient sich z.B. Informationen besorgt, mit denen er sich auf das Arztbesuch vorbereitet. Das kann die Erhebung der Krankheitsgeschichte verkürzen.“, sagt Dr. Max Kaplan, Facharzt für Allgemeinmedizin und Präsident der Bayerischen Landesärztekammer aus Pfaffenhausen.

Und viele Patienten tun das bereits. „Die Ärzte müssen sich darauf einstellen, dass immer mehr Menschen sich zu ihren Gesundheitsproblemen im Internet informieren, ehe sie zum  Arzt gehen“, so Medizin-Informatiker Prokosch.

Das wird einen Arzt nicht immer freuen - etwa dann nicht, wenn er gegen falsche Informationen anreden und Fehldiagnosen richtigstellen muss.

 

Unseriöse Portale

Wie so oft gilt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Und Letztere gibt es im Netz kaum. Ob ihnen ein Mindestmaß an Qualität geboten wird, können die Nutzer (wenn überhaupt) erst im Nachhinein prüfen. Und die bisherigen Prüfungen erbrachten nur wenig Grund zur Freude.

„Nur ein kleiner Teil aller Seiten klärt wirklich gut über medizinische Zusammenhänge auf. In vielen Fällen werden Fachbegriffe falsch verwendet oder gar komplett falsch informiert“, bemängelt E-Health-Experte Sostmann.

Als seriöse Prüf-Institution vergibt das Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem "afgis" für Gesundheitsseiten und die daran angeschlossenen Foren ein Qualitätslogo. Aber leider ist nicht jedes Zertifikat eine Garantie für verlässliche Informationen. „Bunte Logos und ominöse Auszeichnungen sind keine Qualitätsindikatoren. Die kann sich jeder Webmaster selbst auf die Internetseite setzen“, gibt Kai Sostmann zu bedenken.

Die Stiftung Warentest testete 2009 zwölf Medizinseiten. Das Ergebnis: Nur drei Portale erhielten jeweils die Note 2,5. Alle anderen schnitten noch schlechter ab. Tipp der Tester: nicht zu viel erwarten und kritisch bleiben.

Kritisch bleiben sollte man auch bei aufwändig gestalteten und seriös wirkenden Websites, denn sie kosten Geld und haben entsprechend auch den Zweck, Geld einzubringen. Besonders große und bekannte Gesundheits-Websites bringen den Betreibern mehrstellige Millionenbeträge ein. Das Geld wird gemacht unter anderem mit Werbung und Verkauf von Medikamenten und anderen Produkten (z.B. Schuheinlagen, Hühneraugenpflastern, Vitaminpräparaten und Potenzmitteln). Das Geschäft mit der Gesundheit ist derart lukrativ, dass sogar Microsoft, Google und Yahoo eigene Sites betreiben.

Doch bei Weitem nicht jede Seite basiert auf fundiertem medizinischen Wissen. Denn um Gesundheitsseiten in das Internet zu stellen, muss man weder fachliche Ahnung haben noch muss man es mit dem Verbrauer besonders gut meinen. „Sind die Empfehlungen einseitig positiv, ohne Angabe von Vor- und Nachteilen oder Alternativen, spricht das für ein kommerzielles Interesse“, warnt die Verbraucherzentrale NRW in ihrer Checkliste zu Gesundheitsinformationen aus dem Internet.

Mediziner Baumgart sagt: „Ein großer Teil der Informationen wird von Nichtmedizinern geschrieben, und viele von den so genannten Experten sind in Wahrheit keine.“, Viele falsche Informationen kommen so ins Netz und bleiben dort, bis der Urheber sie aktualisiert oder entfernt.

Es gibt allerdings auch viele kleine Anbieter, und damit Zigtausende Gesundheitsseiten. Noch im Jahr 2004 gab es beispielsweise nur 17.500 Treffer zu dem Stichwort „Männergesundheit". In einer Untersuchung für den Ersten Deutschen Männergesundheitsbericht der Stiftung Gesundheit im Jahr 2010 brachte es das Stichwort auf google.de 142.000 Treffer, auf bing.de 52.700 Treffer und auf yahoo.de sogar 796.000. „Bei den jeweils ersten 50 die wir pro Suchmaschine ausgewertet haben, zeigte sich, dass alle unterschiedliche Qualität und nur wenige verlässliche Informationen boten“, berichtete die Leiterin der Untersuchung Prof. Doris Bardehle. Denn um Gesundheitsseiten ins Internet zu stellen, braucht man weder Ahnung von Medizin und Gesundheit zu haben, noch muss man es mit dem Verbraucher besonders gut meinen. Im September 2015 brachte der Suchbegriff "Männergesundheit" übrigens auf google.de 518.000 Hits, auf bing.de auf 566.000 und auf Yahoo.com 568.000. In Zukunft werden es wohl nicht weniger werden.

 

Gute Seiten, schlechte Seiten

Zwar ist die zuverlässigste aller Informationsquellen für Ihre Gesundheit immer noch Ihr Arzt, aber es gibt Möglichkeiten, gute Websites von weniger guten zu unterscheiden. Dazu benötigen Sie kritische Distanz und andererseits die Kenntnis einiger Kriterien, mit denen Sie die Spreu vom Weizen trennen können.

Die Auswahl macht’s: Bei den Internetseiten der Gesundheitsbehörden und amtlichen Gesundheitseinrichtungen (etwa: Robert-Koch-Institut), von medizinischen Fakultäten und  Hilfsorganisationen für Verbraucher und Patienten (zum Beispiel: Deutsche Krebshilfe) können Sie von fachlicher Kompetenz und nicht-kommerziellen Interessen ausgehen.

Bei anderen hilft es, wenn Sie herauszubekommen, wer die Seite betreibt. Suchen Sie darüber hinaus nach einer Möglichkeit, den Betreiber zu kontaktieren oder Fragen zu stellen – bei seriösen Trägern sollte das kein Problem sein. Wer nichts zu verbergen hat, kann auch sagen, wer er ist.

Fragen Sie sich auch, ob die Informationen aktuell sind (wird ein Erstellungsdatum genannt?) und suchen Sie nach Hinweisen auf Quellen (Studien, Personen). Werden Sie fündig, sind Sie auf der richtigen Spur.

Es werden dennoch bestimmte Produkte einseitig positiv dargestellt? Wenn der Beitrag nicht ausdrücklich mit „Anzeige“, „Werbung“ o.ä. gekennzeichnet ist, sollte Sie das hellhörig machen. „Wenn man diese Produkte dann auch noch direkt über die Seite kaufen kann, bestehen keine Zweifel mehr an einem kommerziellen Interesse“, so Sostmann. 

 

Richtiges Vorgehen

Um sich über ein bestimmtes Krankheitsbild zu informieren, ist Wikipedia ein guter Startpunkt. „Dort sind erste Fakten zu Krankheitssymptomen und Behandlungsmöglichkeiten zu finden. Noch viel interessanter sind aber die angefügten Quellenangaben und Links“, sagt  Sostmann. „Von dort aus sollten Sie dann weithergehen, zum Beispiel zu den amtlichen Leitlinien, die sehr fundierte medizinische Informationen auch für Patienten anbieten.“

Problematisch ist es bei Online-Beratungen, für die Sie zahlen müssen. „In den Fällen neigen zahlreiche Nutzer dazu, das dort Gesagte für bare Münze zu nehmen. Aber auch bei kostenpflichtigen Angeboten darf man nie vergessen, dass es sich um Ferndiagnosen handelt“, warnt Sostmann.

„Alles in allem ist das Internet eine gute Sache, wenn man ein verlässliches Portal findet, und die Informationen, die man dort bekommt, zur Vorbeugung gegen Krankheiten nutzt oder sich Ratschläge holt, wie man mit bereits vorhandenen, vom Arzt eindeutig diagnostizierten  Krankheiten umgehen kann“, resümiert Allgemeinmediziner Kaplan. „Auch die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen in Benutzerforen auszutauschen, kann hilfreich sein, wenn man im Hinterkopf behält, dass diese Leute eben auch nur Laien sind.“

„Vergleichen Sie immer die Informationen verschiedener Webseiten miteinander“, lautet die Empfehlung von Internist Baumgart. „So schützen Sie sich gegen Falschdiagnosen und gesundheitsschädliche Ansichten virtueller Personen.“ Und senken das Risiko, schockbedingt einen Herzinfarkt zu erleiden – aber auch die Gefahr sich täuschen zu lassen, wenn ein ernsthaftes Problem verharmlost wird.