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Die Folter im Kopf

by menscore-body

Lange galt Migräne als typisches Frauenleiden. Doch inzwischen ist bekannt, dass auch viele Männer unter den höllischen Kopfschmerzen leiden. Welche Medikamente und alternativen Verfahren Hilfe versprechen, und was Sie sofort tun können, wenn der Schmerz unerträglich wird. 

Manchmal schleicht er langsam den Nacken hoch und spannt sich wie ein Schraubstock um den Hin­terkopf. Dann wieder wütet er rechts und links in den Schläfen wie ein Bohrer. Oder er pulsiert in grausamem Takt unter der Schädeldecke. Egal, in welcher Form er auftritt, der Kopfschmerz ist die Foltermethode, die in Deutschland mehr Menschen leiden lässt als irgendeine sonst. „Migräne und Kopfschmerzen sind die Volkskrankheit Nr. 1.“ Sagt Prof. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel.

Repräsentativen Umfragen zufolge leiden über 70 Prozent der Deutschen zumindest teilweise unter Kopfschmerzen. Der Schmerz kann in vielen Variationen auftreten, die Medizin unterscheidet heute 363 Formen. Die am meisten gefürchtete: Migräne. Ganze 38 Prozent aller Kopfschmerzgeplagten leiden unter dieser extremen Form. Bei manchem bleibt sie nur für ein paar Stunden, andere foltert sie über Tage hinweg.

Die Ursachen von Migräne erkennen

Experten gehen davon aus, dass mehrere Faktoren an der Entwicklung von Migräne beteiligt sind. Neben einer gesteigerten Hirnaktivität wird eine erhöhte Empfindlichkeit der Hirnhautgefäße und des Gehirns gegenüber Hirnbotenstoffen, sogenannten Neurotransmittern, verantwortlich gemacht. Die Veranlagung zu dieser hohen Erregbarkeit ist angeboren, die Migräne bricht aber nicht jedem Fall aus. Prof. Hartmut Göbel: „Heute sind zwölf Risikogene bekannt, die das Risiko für Migräne bedeutsam erhöhen. Es müssen jedoch weitere Faktoren hinzukommen, um einen Anfall auszulösen“. Bestimmte Reize erschöpfen den Energieumsatz in den Nervenzellen, wodurch eine kritische Schwelle im empfindlichen Gehirn der Migränepatienten überschritten wird.

Eine Attacke tritt oft gerade dann auf, wenn Belastungen oder Stress nachlassen. Hinweise auf einen Migräneanfall stellen viele Menschen schon bis zu zwei Tage vor der eigentlichen Attacke fest. Die häufigsten sind: Verstimmung, heftiges Gähnen, verstärkte Aktivität und Heißhunger nach hochgradig kalorienhaltigen Speisen. „Entgegen der bisherigen Annahme löst Schokolade den Anfall nicht aus“, so Göbel. Manche Betroffene verspüren aber auch eine totale Müdigkeit oder rutschen in ein Stimmungstief.

Der Anfall beginnt mit schweren pulsierenden Kopfschmerzen. Bei einigen Patienten treten vorher Sehstörungen, Schwindel oder ein Kribbeln in Armen oder Beinen auf. Nur den wenigsten Patienten gelingt es, die Anfälle durch Ruhe oder Schlaf in den Griff zu bekommen. Häufig bleibt der Schmerz oder wird gar noch heftiger. Dann hilft nur der Griff zur Tablette.

Migräne-Auslöser – Fatale Reizkombination

Diese Faktoren sind zumeist für eine Attacke verantwortlich:

  • Grelle Lichtreize, übermäßiger Lärm, starke Gerüche
  • Dauerstress wie Aufregung, Angst oder Freude
  • Plötzliche Änderung im Schlaf-Wach-Rhythmus, zu viel oder zu wenig Schlaf
  • Bewegungsmangel, Depressionen, Erschöpfung
  • Massagen an Kopf oder Nacken
  • Saunabesuche und die damit verbundenen Temperaturschwankungen
  • Hungerzustände, Fasten, Diät
  • Auf den Kreislauf wirkende Mittel und Amphetamine (häufig als Appetitzügler auf dem Markt)
  • Alkohol (besonders Rotwein und Sekt), Nikotin
  • Häufiger Konsum von Tyramin (in Milchprodukten wie Käse, Joghurt) und Natriumglutamat (in Gewürzen der chinesischen Küche)
  • Luftdruckveränderungen sowie Hitze, Kälte, Föhn

Die Retter schlucken

„Bei leichten bis mäßigen Migräneanfällen können vor der Einnahme eines Schmerzmittels (1000 mg Acetylsalicylsäure, 600 mg Ibuprofen oder 1000 mg Paracetamol) ein Medikament gegen Übelkeit, zum Beispiel mit den Wirkstoffen Metoclopramid oder Domperidon eingenommen werden“ empfiehlt Prof. Hartmut Göbel. Der verwendete Schmerzhemmer wirkt dann schneller.

Andere Substanzen, die Triptane, imitieren die Wirkung von Serotonin. Sie wirken nur dort, wo die Migräneschmerzen entstehen, nämlich im Gehirn an den Blutgefäßen. Sie können gezielt die lokalen Entzündungen stoppen, die zum Migränekopfschmerz führen.

Etwa 60 bis 70 Prozent der Patienten wird damit geholfen. Bereits etwa 30 Minuten nach Einnahme von Triptanen kann ein Abklingen des Migräneschmerzes zu spüren sein, die Begleitsymptome wie Übelkeit und Erbrechen lassen ebenfalls nach. Triptane wirken auch, wenn man sie während eines bereits laufenden Anfalls anwendet. Prof. Hartmut Göbel: „Die frühe Einnahme im Anfall, bei den ersten Anzeichen des Kopfschmerzes also, erhöht die Wirksamkeit“.

Wer an mehr als 7 Tagen pro Monat unter Migräne zu leiden hat, kann versuchen, Anfällen mit bestimmten Medikamenten vorzubeugen. Zur Migräneprophylaxe werden etwa häufig sogenannte Betablocker verschrieben, die eigentlich gegen Bluthochdruck sowie Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden. Dass sie auch bei Migräne wirken, hat man eher zufällig entdeckt.

Auch hochdosiertes Magnesium kann zur Vorbeugung von Migräneanfällen eingenommen werden. Eine Gabe von 2 x 300 Milligramm Magnesium pro Tag kann bei einigen Patienten das Auftreten der Attacken reduzieren.

Grund für die Vorbeugung: Nimmt man an mehr als 10 Tagen pro Monat Akutmedikamente gegen Kopfschmerzen ein, wird eine Kopfschmerzhäufung bedingt, der sog. Medikamenten-Übergebrauch-Kopfschmerz entsteht. „Wir haben die »10-20 Regel« zum Vermeiden und Erkennen von Medikamenten-Übergebrauch-Kopfschmerz (MÜK) entwickelt. Sie hilft, den Medikamenten-Übergebrauch-Kopfschmerz zu vermeiden“ sagt Prof. Hartmut Göbel. Schmerzmittel und spezifische Migränemittel sollten danach maximal an 10 Tagen pro Monat verwendet werden. 20 Tage im Monat sollten komplett frei von deren Einnahme sein. Die Erfassung der Kopfschmerztage und die Einnahme der Medikamente im Monatsverlauf mit einem Schmerzkalender ist für eine zeitgemäße Kopfschmerztherapie unerlässlich.

VERWANDTE BEITRÄGE

                   

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